09.07.2013

Europa will unabhängiger werden

Wenn es nach den Vorstellungen der staatlichen aserbaidschanischen Gas- und Ölgesellschaft Socar geht, soll der europäische Bedarf an Erdgas in den nächsten Jahrzehnten auch aus den riesigen Vorkommen des Kaspischen Meeres gedeckt werden. Bislang bezieht Deutschland rund 40 Prozent dieses Energieträgers aus russischen Quellen. 

Gerade zu Beginn dieses gigantischen Projektes tauchen eine Menge Fragen auf, die beantwortet werden müssen: Wie viel Gas benötigt Europa gerade vor dem Hintergrund der Energiewende? Wie wird sich in den kommenden Jahren der Gaspreis entwickeln? Kann über die kaspisch-türkischen Pipelines irgendwann auch Gas aus dem Irak oder dem Iran auf den europäischen Kontinent transportiert werden? Und vor allem: Muss sich Europa von den russischen Gaslieferungen unabhängiger machen?

Lange Zeit waren die Europäer dafür eine eigene Pipeline zu bauen.“Nabucco“ – eine  3.900 Kilometer lange Pipeline, über sechs Ländergrenzen hinweg, sollte den Zugang zu den Reichtümern im Kaspischen Meer herstellen. Doch von diesem Projekt ist nach vielen Querelen nicht viel geblieben. Nun bauen die Türkei und Aserbaidschan die „Trans Anatolian Pipeline“ (TAP). Erst an der EU-Grenze übernehmen dann die Europäer wieder. An diesem Punkt stellt sich die Frage: Wer baut und betreibt den europäischen Teil?

Zwei Konsortien streiten darüber, wer den lukrativen Auftrag bekommt: einmal Nabucco West, das von dem österreichischen Energiekonzern OMV angeführt wird und das kaspische Gas durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn in die Mitte Europas bringen will. "Ich bin zuversichtlich, dass unser Projekt ausgewählt wird", meint Nabucco-Chef Reinhard Mitschek.

Oder TAP, zu dem E.on und die norwegische Statoil gehören. Diese will den flüssigen Rohstoff über Griechenland und Albanien durch die Adria nach Italien transportieren. "Wir haben den kürzesten Weg", sagt TAP-Geschäftsführer Kjetil Tungsland, "in diesem Geschäft bedeutet das geringere Kosten. Wir hoffen, dass man sich für uns entscheidet."

Hierbei geht es um gigantische Summen: rund 30 Milliarden Dollar kostet es, das Shah-Deniz-2-Feld zu erschließen. Damit sich diese Investition rentiert, müssten sich Händler und Kunden verpflichten, das Gas langfristig abzunehmen. Dementsprechend müssen auch die Pipeline-Betreiber denken. "Infrastrukturprojekte wie Nabucco sind Projekte, die Unternehmen für 30, 40 oder 50 Jahre bauen", so ein Experte.

Für die Europäische Union ist der Zugang zum kaspischen Gas auch strategisch gesehen wichtig. "Wenn wir zu lange warten, dann fließt der Rohstoff nach China oder nach Indien oder in andere Richtungen. Damit ist er für Europa verloren, nicht nur für die nächsten fünf Jahre, sondern für die nächsten 50 Jahre", sagt Nabucco-Chef Mitschek.

Neben den rein wirtschaftlichen Erwägungen spielen auch politische Hintergründe eine Rolle. Schließlich würde die EU, mit dem Gas aus dem kaspischen Raum, auch politisch an Einfluss in Zentralasien gewinnen. Als Verlierer könnte am Ende der russische Gasgigant Gasprom dastehen. Er würde sein Monopol in einigen europäischen Staaten verlieren.

rff – Stark verbunden.